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SCHRITT FÜR SCHRITT INS GARTENGLÜCK

Einigkeit herrschte bei uns beiden immer darüber, dass der eigene und detaillierte Plan unabdingbar sei, um das Maximum aus dem Gelände heraus zu holen, stets die Standortansprüche der Pflanzen im Blick. Zuvor hatten wir viele private Gärten besucht. Das Flair englischer Gärten faszinierte uns zwar schon immer, doch wir fanden, auch die Niederländer und Belgier verstehen viel von Gartengestaltung und Gartenkultur. Zahlreiche Inspirationsreisen führten uns daher zu den schönsten Gärten an den Niederrhein, Holland, Belgien und England. Wer so immens viele Eindrücke, Ideen und positive Energie mit nach Hause bringt, ist leicht überfordert und erkennt schnell, dass durch nüchterne Analyse eine gestalterische Entscheidung fallen muss.

Bislang waren mein Lebenspartner Achim und ich immer davon ausgegangen, dass wir beide die gleichen Gestaltungselemente mögen. Sehr bald stellten wir jedoch verwundert fest, dass jeder von uns eine andere Auffassung hatte, einen sehr differenzierten Blick auf den perfekten Garten. Und dieser Erkenntnis wollten wir in jedem Falle Rechnung tragen. Achim favorisiert die Üppigkeit und Farbenpracht von Staudenbeeten, die organisch mit Schwung und ohne rechte Winkel einfach so, wie mit dem Pinsel gemalt, in die Rasenfläche fließen. Ich hingegen mag die Struktur und Symmetrie, eine geometrische und lineare Formensprache. Wie aber konnten wir diese divergierende Anschauung in einem gemeinsamen Garten harmonisch vereinen?

Wir einigten uns auf einen formalen Rahmen, der mit informeller Bepflanzung gefüllt werden sollte. Dies lässt sich in einem 1.300 Quadratmeter großen Stadtgarten kaum besser umsetzen, als diesen in Räume einzuteilen, wo akkurat modellierte Hecken üppige Rabatten umgeben. Die unterschiedlichsten Themen lassen sich in den Gartenzimmern verwirklichen und ergeben doch insgesamt ein harmonisches Ganzes. Für die konkrete Planungsphase ließen wir uns gut ein Jahr Zeit, ehe es an die Umsetzung ging.

ZIMMER MIT EINBLICK

Der Vorgarten „Jedermanns Freude“ ist sehr frei und offen gestaltet; Passanten können im Vorbeigehen schauen, staunen und Ideen fürs eigene Grün mitnehmen. Die Bepflanzung folgt der Kunstlehre der englischen Gartenlady Gertrude Jekyll (1843–1932), und auch unsere Beete werden durch Höhenabstufungen und die in Form und Farbe abgestimmten Pflanzenkompositionen akzentuiert. Der Hauptweg führt entlang der Garage, die sich mit der perlmuttfarbenen Kletterrose ‚New Dawn‘ und der blauvioletten Clematis ‚Étoile Violette‘ schmückt. Den Weg begleiten aus Buchs formierte Lollipops, zu ihren Füßen die herrlich tiefblau-violetten Blüten einer der schönsten Lavendelsorten (Lavandula angustifolia ‚Hidcote Blue‘). Man schlendert vorbei an einem runden Rosenbeet und wird mit einem fulminanten Dufterlebnis der karminroten Damaszenerrose ‚Rose de Resht‘ beschenkt .

Es folgen weitere Beete mit frühjahrs- und sommerblühenden Stauden in harmonischen Farbkombinationen. Links daneben das „September-Beet”, ganz nach dem Credo des niederländischen Gartendesigners Piet Oudolf mit Großstauden und Gräsern bepflanzt. Im zeitigen Frühling ziehen zahlreiche Tulpen in Beeten und Töpfen sowie eine kleine Narzissenwiese die Blicke an. Im Hochsommer begleiten weiße und zurückhaltend roséfarbene Dahlien die Farbexplosionen in den Beeten.

Die ausgedehnte Rasenfläche verleiht dem Vorgarten parkähnliche Weite und scheint die Farbintensität der Rosen und Stauden noch zu unterstreichen. Da der Vorgarten zum Straßenniveau hin tiefer liegt, ist eine Böschung entstanden, die eine Bepflanzung mit den verschiedensten Blütengehölzen und Bodendeckern erhalten hat. Um auch hier einen räumlichen Eindruck zu vermitteln und gleichzeitig die Vertikale zu betonen, begrenzen als Spalier gezogene, in einer strengen Geraden ausgerichtete Winter-Linden (Tilia cordata), den Böschungsfuß. Sie blenden geschickt die Umgebung aus und halten den Blick auf den Garten konzentriert – eine „geborgte Landschaft“ wie in England gibt es leider in der Stadt nicht. Immer wieder laden Bänke und paarweise aufgestellte Stühle zum Verweilen ein und bieten facettenreiche Gartenperspektiven.

HARMONIE DURCH SYMMETRIE

Um die Dramaturgie zu steigern und neugierig auf den Gestaltungsstil im Verborgenen zu machen, trennt eine übermannshohe Hainbuchenhecke mit Bogendurchgang und Heckenfenster den Vorgarten vom „Geheimen Garten“. So genannt, weil für uns eine Assoziation zum gleichnamigen Kinderbuchklassiker “The Secret Garden” aus der Feder der britischen Schriftstellerin Frances Hudgson Burnett (1849 – 1924). Heute noch aktuell und lesenswert, auch für jung gebliebene Erwachsene jeden Alters. Bei uns lebt ebenfalls ein kleiner “Robin” (Rotkehlchen), der uns stets bei der Gartenarbeit begleitet. Diesen Gartenteil, der durch helle Kieswege erschlossen ist, prägt eine romantische Gartensituation, in der das Thema Form und Symmetrie die Hauptrolle spielt. Der formale Buchsgarten mit Wegekreuz und Brunnen musste leider vor einiger Zeit verändert werden, weil die Einfassungshecken vom Buchsbaumpilz (Cylindrocladium buxicola) befallen waren und gerodet werden mussten. Ein Eisenpavillon kam hinzu, der nun von den weißen Clematis viticella ‚Huldine‘ und ‚Peveril Pristine‘ erobert wird. Die dunkelviolette ‚Polish Spirit‘ und die lila-weiße ‚Venosa Violacea‘ sind ihre kongenialen Partner. Die ursprünglich vier Beete wurden zu zweien vereinigt und alternativ mit Eiben (Taxus baccata ‚Renke’s Kleiner Grüner‘) eingefasst. Nur die Bepflanzung hat weitestgehend Bestand: Rosen, Stauden und Einjährige – alles in Weiß, Violett und Blau.

Auch das gegenüber gelegene Knotenbeet aus Buchs ist Geschichte und wurde von einem klassischen, zweischaligen Sandsteinbrunnen abgelöst. Der zentrale Weg, gesäumt von Kugelahornen (Acer platanoides ‚Globosum‘), führt zu einem englischen Teehaus, das täglich mit dem obligaten Five O’Clock Tea lockt. Die Sichtachsen werden durch traditionelle Steinfiguren und Objekte betont. Weiter über eine schmale Treppe vorbei am eleganten Barockbeet. Von der erhöhten Terrasse fällt der Blick auf die Ruheinsel am Taubenhaus, wo man ganz abgeschirmt vom übrigen Garten zarten Rosenduft schnuppern und im Schatten hoher Gehölze einen schönen Sommertag genießen kann.

(Auszug aus Garten-Welten, BLV-Buchverlag München, 2013)